Kampf gegen die Obdachlosigkeit

Aachener bauen rollende Mini-Häuser

Aachener bauen rollende Mini-Häuser im Kampf gegen die Obdachlosigkeit

Die Mini-Häuser, die bald in Aachen rollen sollen, sehen dem Tiny House hier ähnlich. (Foto: Getty Images)

Update (28. Dezember)

Nach Veröffentlichung dieses Artikels sagte Sven Lüdecke AiXformation.de, dass „Little Home“ gegen die „Obdachlosenhilfe Aachen“ wegen Markenrechtsverletzung klagen werde. Zudem wirft er den Ehrenamtlichen vor, dass die Konstruktion der Häuser lebensgefährlich sei.

Die Obdachlosenhilfe stritt auf Nachfrage die Vorwürfe ab und kündigte an, auf ihren Social-Media-Kanälen ausführlich darauf einzugehen.

Ursprüngliche Meldung (27. Dezember)

  • Die Aachener Obdachlosenhilfe arbeitet an einem neuen Projekt.
  • Obdachlose wollen in rollende Mini-Häuser einziehen.
  • Die Ehrenamtlichen suchen noch Stellplätze für die „Tiny Houses“.

Aachen | Sie sind die Opfer steigender Mieten und unsozialer Wohnungsbaupolitik. Wie viele Obdachlose auf Deutschlands Straßen leben, weiß niemand genau. Schätzungen gehen von über einer halben Millionen Menschen ohne festen Wohnsitz aus, Tendenz steigend. Die Corona-Pandemie verschlimmert das Leid derer noch mehr, die weder Rückzugsort noch Möglichkeiten zur Hygiene haben. Aber auch der Winter macht aus dem Leben auf der Straße einen Kampf ums Überleben. Durch ein besonderes Projekt wollen Aachener Ehrenamtliche die Obdachlosen nun unterstützen.

Meistens verteilt die Interessengemeinschaft „Obdachlosenhilfe Aachen“ Essen, Klamotten und jetzt in der Vorweihnachtszeit auch Nikolauspäckchen an Bedürftige in der Innenstadt. Doch ein neues Projekt könnte das Aachener Stadtbild bald ergänzen: „Miniheimac“. Kleine Holzhütten, sogenannte Mini-Häuser, werden von Ehrenamtliche gebaut und kostenlos an Bedürftige verschenkt – so zumindest der Plan. Denn die Suche nach einem passenden Stellplatz erweist sich als großes Problem.

Klappbett und Heizung statt Alkohol und Asphalt

Eine Baugenehmigung wird nicht benötigt, dank der kleinen Rollen, mit denen jedes Häuschen ausgestattet werden soll. 3,5 m² groß, eingerichtet mit Klappbett, Teelichtheizung, Regalen und Feuerlöscher, bieten sie Platz für das Nötigste. Sogar über ein Campingklo wird nachgedacht. Auf diese Weise sollen sie den Obdachlosen für einige Monate einen sicheren Schlafplatz bieten, bis eine Wohnung gefunden ist. Eine langfristige Lösung bieten die Mini-Häuser ausdrücklich nicht, stattdessen wird gehofft, den Obdachlosen in ein neues Leben zu verhelfen. Die einzigen Bedingungen: In den Hütten dürfen weder Drogen noch Alkohol konsumiert werden, Süchtige müssen sich außerdem in einer Entzugsklinik Hilfe holen.
Einige Stunden haben drei Mitarbeiter an dem ersten Haus bereits gebaut, das nach den Feiertagen fertig werden soll. Ganz billig sind sie nicht, der Bau kostet bis zu 1100 Euro. Glücklicherweise erhält das Projekt große Unterstützung: 800 Euro wurden schon in Form von Gutscheinen gespendet. Die ersten drei Mini-Häuser werden zudem vollständig von einer Firma aus Eschweiler finanziert.

Das Problem Stellplatzsuche

Acht Bedürftige haben sich schon für ein Haus beworben, bis zum ersten Einzug könnte es aber noch dauern. Grund dafür ist die Suche nach einem passenden Stellplatz. Zentral muss er sein, damit die Bewohner:innen schnell in die Innenstadt kommen, und natürlich bezahlbar: keine einfache Angelegenheit in Aachen. Von Bauamt und Oberbürgermeisterin, die vor angeschrieben wurden, kam bisher noch keine Rückmeldung.

Kritik an Sicherheit und Sinnhaftigkeit

Vorbild von „Miniheimac“ ist der Verein „Little Home“ aus Köln. Der Gründer Sven Lüdecke wurde 2016 mit dem Bau seiner ersten Mini-Häuser bekannt. Zwischenzeitlich wurde Lüdecke wegen angeblicher Veruntreuung der Spendengelder angeklagt, das Verfahren wurde aber eingestellt.

Nach eigenen Angaben hat „Little Home“ bereits 150 Bedürftigen eine eigene Unterkunft beschaffen können. 83 der ehemals Obdachlosen arbeiten inzwischen und 99 haben einen festen Wohnraum.

Kritiker befürchten aber, dass Lüdeckes Projekt den Obdachlosen letztendlich schaden könnte. Die Kommunen, die in Deutschland für die Unterbringung von Wohnungslosen zuständig sind, könnte die Häuschen als Anlass nehmen, sich ihrer Verantwortung zu entziehen. Auch Sicherheit ist ein wiederkehrender Kritikpunkt. Vor allem für obdachlose Frauen kann die Unterbringung gefährlich werden, insbesondere wenn das Haus an einem abgelegenen Platz steht.

Meinung der Autorin

Als Übergangslösung könnten Tiny Houses bestehende Hilfsangebote vielleicht sinnvoll ergänzen. Das langfristige Problem der Wohnungsnot in Deutschland lösen die Mini-Häuser aber nicht. Zu hoffen bleibt dennoch, dass sie die Lebenssituation einiger Obdachloser verbessern, die bisher durch die Maschen des Sozialsystems gefallen sind. Besonders jetzt benötigen sie Hilfe und Unterstützung, in diesen schweren Zeiten.

Disclaimer der Redaktion

Leser:innen haben die Redaktion nach Veröffentlichung auf die Verbindung von der Obdachlosenhilfe Aachen zu den regionalen Gelbwesten hingewiesen. So werden in der Facebook-Gruppe Aufrufe zu Demonstrationen geteilt, als offizielle Website ist eine Internetseite der Gelbwesten angegeben. Die Gelbwesten wurden in Deutschland vielerorts von rechtsextremen Reichsbürgern unterwandert. Diese nahmen auch an einer Demonstration teil, die ein Ehrenamtlicher der Obdachlosenhilfe 2019 nach eigenen Angaben selber organisierte. Der Ehrenamtliche distanzierte sich später davon.

Der Ehrenamtliche der Obdachlosenhilfe Aachen teilte auf seinem Gelbwesten-bezogenen YouTube-Kanal antisemitische Anspielungen und Narrative, darunter die gefälschten „Protokolle der Weisen von Zion“. In einer Sprachnachricht, die AiXformation.de vorliegt, stimmte er einer Aussage „zu 100 Prozent“ zu, die den Holocaust und die NS-Diktatur mit den Pandemie-Maßnahmen in Schulen verglich. Aus dem Chatverlauf innerhalb einer Querdenken-Gruppe zitierten wir schon hier.

Das genaue Ausmaß der Verbindung von der Obdachlosenhilfe zu den Gelbwesten war AiXformation.de vor Veröffentlichung nicht bekannt. Wir bitten um Entschuldigung, dass dies nicht im Artikel erwähnt wurde und danken unseren Leser:innen für ihre konstruktive Kritik.

Transparenzhinweis: Aus diesem Artikel wurde ein Foto entfernt

Clara Heuermann
Über Clara Heuermann 6 Artikel
Berichtet über Politik, Aktivismus und was sie sonst noch so interessiert.

7 Kommentare

  1. Endlich mal was positives! Wir hoffen nun, dass die Stadt in die Gänge kommt. Gross Reden können ja folglich alle….doch hier muss etwas getan werden. Gebt den Menschen endlich einen Platz wo man diese Häuser aufstellen kann.

  2. Leider werden zur Zeit ja einige Aussagen einfach als Falschaussagen unsererseits gewertet, bzw wird gesagt dass man eine Klage gegen uns anstrebt obwohl man mit uns zusammenarbeiten möchte

  3. Wir werden in der kommenden Woche das erste Haus bezugsfertig haben und zudem Dank eines tollen Sponsoren können wir einen Stellplatz anmieten.

  4. Ich stimme dem Artikel, der Kritik an den Häusern und auch an den Gelbwesten und deren Coronaleugnerischen Tendenzen zu, sie sind Fakt. Wer einerseits Menschen helfen will, andererseits in Maleranzügen durch Aachen läuft und den Leuten indirekt sagt, sie sollten das Maske-tragen verweigen und was von Diktatur labert, ist nicht ernst zu nehmen. Da gibts auch nichts schönzureden oder zu leugnen.

  5. Einfach toll!Weiter so.Und negative Hetzereien musste die Kirche auch über sich ergehen lassen und diese hat es nicht belastet, obwohl deren Verbrechen man nicht kommentieren kann.
    Weiter machen und quatschen lassen.

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