Fridays for Future Aachen

"Warum sollte es jetzt einen Wendepunkt geben?"

Fridays for Future Aachen: „Warum sollte es jetzt einen Wendepunkt geben?“

"Am Klimacamp", verrät das selbst gemalte Schild. Fotos: Vitus Studemund / aix:media
  • In Aachen wird am 13. September gewählt.
  • Fridays for Future hat auf dem Markt deswegen ein „Klimawahl-Camp“ aufgebaut.
  • Wir haben mit einem Aktivisten gesprochen.

Aachen | Dienstags und donnerstags heißt es auf dem Marktplatz in Aachen: Wochenmarkt. Zelte oder Camps sieht man hier eher selten. Für eine Ausnahme sorgt jetzt Fridays for Future. Wegen der Kommunalwahlen sind die jungen Aktivist:innen mit dem „Klimawahl Camp Aachen“, kurz „KliwAC“, vor Ort. Über die anstehenden Wahlen haben wir mit Clemens (18) von der Ortsgruppe gesprochen.

AiXformation.de: Bis zum Wahlsonntag ist Fridays for Future in Aachen mit dem „KliwAC“ präsent. Was ist euer Ziel?

Clemens: Wir wollen auf die Bürger*innen zugehen und mit ihnen ins Gespräch kommen. Die Wahl ist eine Klimawahl. Und sie ist entscheidend für die nächsten fünf Jahre, wie die Politik sich Klima-technisch aufstellt. Und ob Aachen klimaneutraler wird.

In den nächsten 5 Jahren wird entschieden wie die Pariser Klima-Ziele eingehalten werden. Ob sie überhaupt eingehalten werden. Und wie wir das erreichen können. Da können wir mit den jetzigen Wahlen ein Zeichen setzen und an die Bürger*innen appellieren, dass sie für sich das Beste – in Bezug auf Klimaschutz – wählen.

Wie kann man denn am Sonntag mit seinem Kreuz alles richtig machen?

Wir sind überparteilich und geben keine Partei an, die man wählen soll. Aber wir können den Menschen zum Beispiel sagen, dass die und die Partei nicht für Klimaschutz steht. Wir werden keine Partei benennen, weil das ihre eigene Entscheidung ist. Wir sagen: Ey, informiert euch!

Clemens (18): „Wir sagen: Ey, informiert euch!“

Also ein Aufruf an die Bürger und Bürgerinnen. Aber auch einer an die Politik?

Die Politiker und Politikerinnen sollen uns sehen. Und sie sollen auch sehen, dass wir nicht aufgeben, dass wir immer noch da sind. Aber ich glaube, dass wir bei ihnen nicht wirklich etwas erreichen – sonst wäre ja jetzt schon viel mehr passiert. Das integrale Klimaschutzkonzept der Stadt Aachen mit dem 1,75-Grad-Ziel ist viel zu wenig! Deswegen wollen wir mehr erreichen mit dieser Wahl.

In anderen Städten gibt es sogenannte Klima-Listen. Das bedeutet: Außerhalb von Parteien, haben sich Leute, die sich für Klimaschutz einsetzen wollen, zusammengeschlossen und eine eigene Wählergruppe gegründet. In Aachen gibt es das nicht. Gibt es hier vielleicht schon genug Parteien, die sich zwar für das Klima einsetzen, aber nur noch nicht gewählt werden?

Das glaube ich nicht. Eine Klima-Liste stand bei uns nicht zur Debatte, weil wir Fridays for Future und Politik klar trennen wollen. Und weil wir keine Lust haben, uns in die Politik einzumischen, in die Regierung. Wir sehen uns als Teil der Opposition.

Wir wollen daran appellieren, dass man Verantwortung übernehmen soll. Wir können auch gerne Ratschläge geben, aber wir wollen nicht die Politik sein. Eine Opposition muss es immer geben, das ist unsere Rolle.

Aachen ist seit den 90er-Jahren im europäischen Klimabündnis der Städte vertreten. Die Stadt hat 2018 den European Climate Award (eca) zur Klimafolgenanpassung verliehen bekommen. Wurde zumindest da vieles richtig gemacht?

Das sind nur Lippenbekenntnisse, die nicht wirklich die Bereitschaft, zu handeln, signalisieren. Es ist sicher schön, dass man sich damit schmücken kann, aber ein Preis reicht nicht aus, um den Klimawandel zu stoppen.

Der Klimawandel macht vor keiner Preisverleihung oder einem Bündnis halt. Wir brauchen aktive Politik, die die Klimakrise anpackt und Aachen an die Paris-Ziele heranführt.

2011 hat der Stadtrat beschlossen, die CO2-Emissionen – im Vergleich zu 1990 – bis 2020 um 40% zu senken. Die Bilanz von 2017 zeigte nur eine Veränderung von 22% – in 30 Jahren. Wo hapert es an der Umsetzung? Oder: Was könnte konkret in der Politik passieren?

Ich glaube, dass es bei den Ideen, die formuliert werden, gar nicht das Ziel gibt, sie zu erreichen. Wenn 2011 schon Dinge beschlossen worden sind, die wir jetzt nicht einhalten, warum sollte dann jetzt etwas beschlossen werden, was wir dann auf einmal einhalten werden? Warum sollte es jetzt diesen Wendepunkt geben – bei derselben Politik?

Das Klimawahl-Camp: „Warum sollte es jetzt den Wendepunkt geben – bei derselben Politik?.“

Wir brauchen einen politischen Systemwandel. Das 1,75-Grad-Ziel im integralen Klimaschutzkonzept der Stadt Aachen zeigt einfach noch einmal mehr, wie man auf das 1,5-Grad-Ziel pfeift. Es ist gar nicht mehr Ziel, einen Vertrag zu erfüllen.

Am 21. Juni 2019 waren in Aachen 40.000 Menschen bei Fridays for Future auf der Straße. Zwei Tage davor hatte der Stadtrat den Klimanotstand für Aachen beschlossen. Hast du das Gefühl, ihr werdet zwar gehört, aber konkret auf eure eigentlichen Forderungen wird nicht eingegangen?

Ich habe das Gefühl – das haben auch viele andere – dass wir belächelt werden! Wir werden gehört. Aber wir werden ignoriert. Wenn unsere Forderungen wirklich umgesetzt werden würden, dann würden Menschen, die jetzt in einer sehr komfortablen Situation wären, auf Sachen verzichten müssen – ohne dass es große Einschnitte geben würde.

Aber das wollen viele nicht und deswegen belassen sie es lieber bei Lippenbekenntnissen wie den Klimanotstand. Man zeigt Bereitschaft zum Handeln, aber handelt nicht.


Das Interview hat Vitus Studemund geführt. Er war 2019 selber bei Fridays for Future Aachen aktiv.

Vitus Studemund
Über Vitus Studemund 25 Artikel
Vitus Studemund schreibt über Protest und Politik in Aachen.

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