Techno, Laternen und Antifa:

Querdenken-Demo spaltet Aachen

Techno, Laternen und Antifa: Querdenken-Demo spaltet Aachen

Eine Frau trägt eine Lichterkette durch die Innenstadt. Fotos: Clara Heuermann und Vitus Studemund / aix:media
  • Am Samstag, dem 14. November, haben 250 Demonstrant:innen an dem Protest von „Querdenken 241“ teilgenommen.
  • Etwa 120 Menschen folgten dem Aufruf zweier Aachener Initiativen zum Gegenprotest.
  • Laut Polizei verliefen die Protestaktionen ohne größere Zwischenfälle,

Aachen | Nur mit der Technik hapert es noch etwas: Rund 250 Demonstrant:innen stehen vor dem Eurogress und warten darauf, dass die Tonanlage angeht. Denn der Techniker, der der Demonstration gegen die Pandemie-Maßnahmen zugesagt hat, musste kurzfristig selber in Corona-Quarantäne.

“Viva la Antifascista!” und Techno-Musik

Bizarre Züge hatten bereits die Vorbereitungen für den groß geplanten Protest angenommen. Die Gruppierung „Querdenken 241“, die sich im August in Aachen gegründet hatte, warb mit dem Rapper „Nic Knatterton“ im Internet für die Demonstration. Der wusste nichts von seinem angeblichen Auftritt und meldete sich einen Tag später mit einem Statement zu Wort: „Niemals! Viva la Antifascista!“

Drei Wochen später sorgten statt des bekannten Aachener Musikers unter anderem Jane Bond & Dr No  für die nötige musikalische Unterstützung im Kurpark. Das Geigen-Gitarren-Duo muss aber anfangs noch auf den eingesprungenen Ersatz-Techniker warten, übertönt wurde es währenddessen von dem Gegenprotest durch lautstarke Techno-Musik.

“Querfront” und Rechtsextreme

Denn während hinter dem Eurogress die selbsternannten Querdenker aus Sorge um ihre Kinder gegen die Pandemie-Maßnahmen demonstrierten, protestierten davor rund 120 Teilnehmende – hauptsächlich Jugendliche – gegen die „antisemitische Querfront“, wie auf einem der Banner stand. Zwei Initiativen hatten die Gegendemonstrationen angemeldet (Aixformation.de berichtete).

Seit Monaten werfen Kritiker der Bewegung unter anderem vor, Rechtsextremen Platz zu bieten und die NS-Gräuel zu relativieren.  “Es ist ein Unterschied, ob man querdenkt und seinen Verstand gebraucht oder ein Nazi ist”, sagte ein Redner.

 “Zum Beispiel wird regelmäßig behauptet, dass diejenigen, die keine Masken tragen, die heutigen Jüd:innen seien. Solche Ansichten halten wir für äußerst gefährlich, weil derartige Gleichsetzungen die Verbrechen des Nationalsozialismus relativieren”, erklärte am Freitag eine Sprecherin des Bündnis “Aachen stellt sich quer”, das auch einen Gegenprotest veranstaltete

An der Kundgebung von “Querdenken 241” nahm ein breites Spektrum an Demonstrant:innen teil. AfD-Mitglieder und Reichsbürger:innen protestierten neben Familien und Senior:innen.

“Himanajojojo” und Lach-Emojis

Neben Dr No und Jane Bond traten auch weitere Bands und Künstler:innen auf. Das Pop-Duo Alien’s Best Friend trat schon auf Corona-Demos in ganz Deutschland auf und wird auch von christlichen Fundamentalist:innen unterstützt. Begeistert schunkelte die Menge ebenso zu dem kryptischen Gesang des Duos Ina und Imarin. Ihr Lied mit dem Titel “Wir wachen auf und erkennen uns wieder” bestand größtenteils  aus den Worten “Himanajojojo”. Spott erntete der Rapper Yamin im Internet. Mit Lach-Emojis und “Wie tief kann man sinken” kommentierten User auf Twitter seinen Auftritt.

“Viruswaarheid” und geschwärzte Masken-Atteste

Als Redner trat der Mitbegründer von Viruswaarheid Jeroen Pols auf. Die niederländische Aktionsgruppe verbreitet reichweitenstark auf sozialen Medien Fake News und Halbwahrheiten. Auch der Aachener Arzt Hans-Jürgen Peters hielt eine Rede. Zuvor war er schon mehrmals auf ähnlichen Demonstrationen aufgetreten. 

Zwei der angekündigten Redner schafften es nicht bis auf die Bühne. Mindestens einer von ihnen wurde wegen eines unzulässigen Masken-Attests von der Polizei nicht zur Demonstration gelassen. Als es durch ihn zu einem Tumult vor dem Eingang kam, musste die Polizei erneut eingreifen.

Auch gegenüber anderen Masken-Verweigerern bewies diese Konsequenz: Die Polizei akzeptierte in Absprache mit dem Gesundheitsamt keine unzureichenden Atteste, die viele Demonstrant:innen mitführten. Gegenüber AiXformation.de erklärte eine Polizeisprecherin, dass beispielsweise Namen der ausstellenden Ärzt:innen geschwärzt worden waren oder die Diagnosen fehlten. 

Ansonsten verlief die Kundgebung jedoch ohne größere Zwischenfälle: Die Polizei zeigte sich friedlich und sagte, sie habe “ihr Ziel erreicht”. Hygiene-Maßnahmen wurden weitestgehend eingehalten, zu Ausschreitungen kam es nicht.

“Frieden, Freiheit, Demokratie” und der angebliche Martinsumzug

Den geplanten Höhepunkt des Abends bildete der Lichterzug durch die Innenstadt nach der Kundgebung. Daran nahmen etwa 230 Demonstrant:innen teil. “Frieden, Freiheit, Demokratie” rufend zog der Protestzug bis zur Pontstraße. Immer wieder überholt wurde er von einer kleinen antifaschistischen Gruppe, die sich am Straßenrand mit einem Banner versammelte. Auch hier kam es zu keinerlei Zwischenfälle. 

Weil “Querdenken 241” im Internet die Demonstration als Martinsumzug für Kinder beworben hatte, die wegen der Corona-Pandemie verboten sind, waren Laternen und Kerzen im Vorfeld verboten worden. Durch eine Ausnahmeregelung für Grabkerzen und elektrisch betriebenes Licht konnte die Verordnung aber umgangen werden (AiXformation.de berichtete).

Aachens Oberbürgermeisterin Sibylle Keupen war zusammen mit Polizeipräsident Dirk Weinspach vor Ort. Dieser lobte das deeskalierende aber auch strenge Verhalten seiner Behörde. “Wir haben deutlich gemacht, dass wir eine Missachtung der Auflagen zum Schutz der Gesundheit nicht akzeptieren werden. Durch konsequentes und maßvolles Vorgehen ist es uns heute gelungen, die Regeln durchzusetzen”, erklärte Weinspach am Abend.

Ein Artikel von: Clara Heuermann und Vitus Studemund

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