Die Gretafrage: FFF und der Extremismus

8000 Menschen demonstrierten gestern bei "FridaysForFuture" Aachen.

„Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“, fragte Gretchen ihren Geliebten in Goethes „Faust“. Daraus entstand der Begriff Gretchenfrage: Eine unbequeme Frage, die direkt ein Problem aufdecken soll. Doch statt dem wohl meistzitierten Werk der deutschen Literatur geht es um „FridaysForFuture“, die Bewegung der schwedischen Klima-Aktivistin Greta Thunberg.

Diese mobilisierte in den vergangenen Monaten nicht nur Millionen Schüler*innen zum „Schulstreik“, sondern stieß auch weltweit in Politik und Gesellschaft Debatten an, die viele Menschen zum Anlass nahmen, ihre Lebensweise im Bezug auf Konsum und Nachhaltigkeit zu überdenken. Insgesamt könnte man also von einer lückenlosen Erfolgsgeschichte sprechen – Die Aktivist*innen des erst vor kurzem gegründeten deutschen Ablegers der „YouthForClimate“-Bewegung sind aber der Ansicht, eine ziemlich gravierende „Greta-Frage“ gefunden zu haben: „Wie hält es FridaysForFuture mit politischem Extremismus?“

Es ist der Samstag nach dem „Globalen Klimastreik“, wo anlässlich des UN-Klimagipfels in New York weltweit für besseren Klimaschutz demonstriert wurde. Alleine in Deutschland gingen nach Angaben von „FridaysForFuture“ 1,5 Millionen Menschen auf die Straße, 8000 von ihnen in Aachen. Doch nicht alle, die hier sich für mehr Klimaschutz einsetzen, schlossen sich auch gestern der Demo an. Die Schüler Anna Moors (17) und Anton Nailis (15) haben erst für Samstag Mittag ihre Aktion geplant. Ein Tisch steht vor dem Aachener Hauptbahnhof, auf ihm stehen Thesen wie „Den Schulstreik finde ich inhaltlich angemessen“. Anna und Anton versuchen, sich mit ihrem Infostand „Klimaschutz ohne Extremismus“ ein Meinungsbild unter den Passanten zu holen – Diese können ihre Meinung auf einer Skala markieren, meistens fällt die Rückmeldung zu dieser Frage positiv aus.

Umfrage beim Infostand: YouthForClimate

Auch Anna und Anton haben kein Problem damit, dass Schüler*innen freitags nicht dem Unterricht beiwohnen, um zu demonstrieren. Im Gegenteil: Anna wirkte selbst sieben Monate lang bei der Ortsgruppe mit, die am 21. Juni durch den Zentralstreik in Aachen weltweit in die Schlagzeilen geriet, an den großen Demonstrationen zum 15. März und 24. Mai war sie Teil des Organisationsteams – dann stieg sie der Bewegung aus. „Wir befürworten die Schulstreiks und auch die Idee, hinter der FridaysForFuture Aachen steht“, sagt die Schülerin aus Herzogenrath, „aber wir befürworten nicht die politische Richtung in die es sich zuletzt entwickelt hat“. Für sie sei es nicht akzeptabel, dass Menschen innerhalb von FridaysForFuture Meinungen unterdrücken und innerhalb der Ortsgruppen oftmals ohne Konsens Solidarisierungen von als linksextremistisch eingestuften Personen und Gruppierungen erfolgen würden. In einer Pressemitteilung wirft sie der Aachener Ortsgruppe außerdem eine maßgebliche Beeinflussung durch Linksextremist*innen vor, so sollen zum Beispiel Busse bestickert oder anti-staatliche Bands gehört worden sein.

„Befürworte die die Idee, aber nicht die politische Richtung“: Anna Moors von YouthForClimate

Die in Annas Aussagen gemeinte Ortsgruppe aus Aachen weist die Vorwürfe allerdings klar zurück: Man verstehe sich als breite demokratische Bewegung und bringe dadurch verschiedenste Menschen zusammen, die durch den Kampf für das gemeinsame Ziel der Klimagerechtigkeit geeint seien. Man beschränke sich auf ausschließlich gewaltfreie und kreative Aktionsformen, stehe aber gleichzeitig auch mit allen Gruppen der Klimagerechtigkeitsbewegung solidarisch, die gewaltfrei z.B. Aktionen zivilen Ungehorsams ausüben würden. Man befinde sich bezüglich der Entscheidungsprozesse aktuell in einem Reflexions- und Aufarbeitungsprozess, der noch nicht abgeschlossen sei.

Anna und Anton verstehen sich nicht als eine Gegenbewegung, sondern viel mehr als eine Alternative zu FridaysForFuture. Meinungsvielfalt beinhalte für Anna auch das Akzeptieren von radikalen Meinungen, solange dadurch nicht gemäßigtere Stimmen unterdrückt werden. Das Problem von FridaysForFuture sieht sie außerdem in den oftmals generalisierenden Aussagen, für sie sollte die Bewegung öffentlich differenzierter Auftreten. Sie hat allerdings auch gegen ihre ehemalige Ortsgruppe aus Aachen keine allgemeinen Vorurteile: „Dort haben Personen mit viel Talent und Durchsetzungsvermögen eine Leidenschaft für sich gefunden. Diese sollte man weiter fördern – allerdings ohne Extremismus oder Populismus.“ Für beide ist die Gesprächsbereitschaft mit der Gesellschaft von elementarer Bedeutung. So findet Anton zum Beispiel, dass es „eindeutig einen radikalen Kohleausstieg benötige“ – man bei diesem aber verhandelbar bleiben müsse. Er empfindet den von der Kohlekommission vorgeschlagenen Ausstieg im Jahr 2038 als eindeutig zu spät und schließt sich der FFF-Forderung nach einem Ausstieg bis zum Jahr 2030 an. Er ergänzt: „Wir wollen den Extremismus aus Bewegungen herausbekommen – sowohl durch eigene Demonstrationen als auch durch Aufklärung in der Gesellschaft.“

„Aufklärung der Gesellschaft“: Anton Nailis redet mit Passanten

Es ist noch nicht bekannt, wie es nun mit der Bewegung weitergehen wird. So steht zum Beispiel noch nicht fest, ob und inwiefern die Bewegung mit FridaysForFuture kooperieren oder ob sie nach dem Vorbild ihres belgischen Ablegers jeden Donnerstag streikt. Es ist noch völlig offen, ob die Alternativbewegung Einflüsse auf FridaysForFuture – insbesondere in Aachen – haben könnte.

Redaktionelle Mitarbeit (Interviews und Fotos) von Vitus Studemund

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Lebt in Erkelenz, beobachtet die Region Aachen aus dem Norden und schreibt über Aktivismus und nachhaltige Mobilität.

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Vitus Studemund
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Hey, ein paar Meinungen und Eindrücke von mir:
1. Super Artikel 😉
2. Ich fand die Gespräche und den Auftritt von Youth for Climate heute sehr angenehm. Die Bewegung hat mich sehr beeindruckt auch wenn ich
3. nicht der Meinung bin, dass Fridays for Future extremistisch sei.
Trotzdem bin ich beeindruckt, dass Anna und Anton so engagiert ihre Aktion organisieren.