Gelbwestendemo in Vaals – zwischen Rebellen und Rechtsextremen

Nur 150 statt 1500 samstags beim "internationalen Treffen" - Aber wer sind die Gilet Jaunes?

Reportage/Feature: Rund 150 Anhänger der Gelbwestenbewegung aus Deutschland, den Niederlanden und Belgien demonstrierten gestern im niederländischen Vaals an der Grenze zu Aachen für „Weltfrieden und gegen Gewalt“. Die Bewegung für soziale Gerechtigkeit ist uneinheitlich und gilt in Deutschlands als Sammelbecken, in dem auch Rechtsextreme einen Platz finden. Aber wie rechts sind die Gelbwesten wirklich?

Ein paar Stunden vor der Demonstration am Samstag

Die eigentliche Geschichte beginnt schon vor der Demo. Als ich mit einer Bekannten in Aachen in den Bus zu dem 5 Kilometer entfernten Vaals einsteige, sind nur noch wenige Sitzplätze im Bus frei. Ich setze mich auf einen davon – direkt neben einen Mann mit Kickboard und Warnweste. Sven¹ gehört zu den Gilet Jaunes, den Gelbwesten.

„Ich weiß nicht, was das für eine Welt ist!“

Ich komme mit ihm ins Gespräch. Er ist Sozialarbeiter bei einer ehrenamtlichen Institution in Aachen. Er erzählt mir, dass er bei WhatsApp gelesen habe, dass es diese Demo geben würde. Da hätte er sich eine gelbe Weste genommen, und beschlossen mit zu demonstrieren. Die Gelbwesten, meint er, seien eine „Bewegung gegen Alles“. Und vor allem für etwas: Gerechtigkeit. „Ich weiß nicht, was das für eine Welt ist“, sagt er. Geld regiere die Welt und die Medien betreiben Massenverblödung. Als er bei der Arbeit erzählt habe, was er vorhatte, sei er seltsam angekuckt worden. Das seien doch alles nur Rechtsextreme, habe man ihm gesagt. Ein Grund mehr, dass er sich ein Bild von der Bewegung machen will.

Aber auch ein konkretes Anliegen bringt er mit: „Mehr Rechte für die Polizei“, das hat er sogar auf seine gelbe Weste geschrieben. Man sehe so oft Videos von Provokationen gegenüber der Polizei – das gehe gar nicht. Es geht ihm um Wertschätzung, sagt er. Ob er da bei den Gelbwesten richtig liegt, die vor allem durch die französischen Bilder von gewaltsamen Ausschreitungen bekannt sind, frage ich ihn nicht, denn er wirkt außerordentlich friedlich. Als wir in die Nähe von Vaals kommen, sehen wir eine Gelbweste mit einer großen Totenkopf-Flagge. Michael ist irritiert, er werde nachfragen was das bedeute. Wenn er hier etwas extremistisches mitbekomme, sagt er mir, werde er sofort gehen. Wir steigen aus. Michael geht auf die andere Gelbweste zu, ich verabschiede mich.

„Den Medien traue ich nicht.“

Auf dem Weg in Richtung Stadtmitte kommt eine Frau auf mich zu. Kirstin²  ist extra aus Hamburg angereist und will auch zu der Demonstration. Eine gelbe Weste hat sie nicht an, so richtig weiß sie auch nicht worum es eigentlich geht. Die Medien würden ja behaupten, es seien alles Rechtsextreme. Aber sämtlichen Medien traut sie nicht, lieber macht sie sich selber ein Bild – eine Aussage, die einen vor allem an Pegida-Demonstierende erinnert, und die an dem Tag noch oft getätigt werden wird.

Zu der Demonstration habe sie ein Freund eingeladen, ein ehemaliges NPD-Mitglied. Die NPD, die inhaltlich der NSDAP von Adolf Hitler nahe steht, ist eine rechtsextreme Partei, die laut Bundesverfassungsgericht „eindeutig verfassungsfeindlich“ ist. Aber rechts sei ihr Freund, der sie eingeladen hat nicht, meint sie überzeugt aber nicht überzeugend.

Wir laufen an der Gegendemonstration vorbei. Circa 50 Demonstrierende sind zu der kurzfristig organisierten Mahnwache gekommen. Auch sie fordern soziale Gerechtigkeit – aber ohne Rassismus, den sie Teilen der Gelbwesten vorwerfen.

Keine Spur von Massendemonstration

Die eigentliche Demo liegt von der Gegendemonstration versteckt in der Altstadt von Vaals. Von 1000 oder, wie es am Tag zuvor hieß, 1500 Teilnehmenden ist man weit entfernt. Vielleicht 150 Gelbwesten stehen auf dem Platz neben der Gemeindeverwaltung. Diese hatte im Vorhinein mit dem Veranstalter kooperiert.

Lange passiert nichts bei der Demonstration. Auffallen tun eigentlich nur ein paar Teilnehmende in orangenen Westen, die sich als Ordner*Innen herausstellen und von denen einige AfDler sein sollen. Etwas irritierend, da eine Rednerin vor der Demonstration ein Video mit dem Titel „Extremisten sind nicht willkommen“ verbreitet hatte. Noch irritierender, dass diese Rednerin laut Recherchen der Aachener Nachrichten/Aachener Zeitung im September an einer rechtsextremen Versammlung in Mönchengladbach teilgenommen hatte. Aber Zurück zu der Gelbwesten-Demonstration

Die Teilnehmenden unterhalten sich, essen Suppe, tauschen sich aus. Es wirkt wie ein Straßenfest, wären da nicht andauernd die „Ahou! Ahou! Ahou!“-Rufe, die die Gilet Jaunes aus dem Fantasy-Kriegsfilm „300“ übernommen haben. Die ganze Veranstaltung wirkt nicht weniger albern, als später das Lied „Ein bisschen Friede“ aus den Anlagen ertönt. Natürlich in der mehrsprachigen Version. Dazu bilden die Demonstrierenden einen großen Kreis, und lassen La-Ola-Wellen durch laufen. Mehrere Gelbwesten bilden als Akrobaten eine Pyramide während um sie herum ein Mann mit gelber Regenjacke und eine Niederlandfahne schwenkend um sie herum läuft. Das ganze hat mehr etwas von einem esoterischen Gruppenbildungsspiel als von einem internationalen Treffen einer der einflussreichsten politischen Bewegungen.

Marko (1. von Rechts) posiert mit
jungen Gelbwesten

Marko Klein ist der Organisator der Demonstration. Für den Niederländer ist die Demo soweit erfolgreich. Lange waren sie unter 20, sagt er, jetzt seien sie fast 200. „Ein bisschen enttäuscht bin ich schon, dass es trotzdem weniger als erwartet sind“, fügt er hinzu. „Von Tausend haben wir aber nur gesprochen, damit die Medien kommen“ – was wohl funktioniert hat. Wie alle anderen frage ich ihn, warum man sich nicht von Rechtsextremen auf der Demonstration distanziert. Und alle antworten das Gleiche: Es wäre nicht nötig, man sei ja weder rechts noch links und schon gar nicht extremistisch. Eine Behauptung, der ich überhaupt nicht zustimmen kann und damit meine ich nicht die Europaflagge, die während der Demonstration feierlich als Zeichen für den Ausstieg aus der EU verbrannt wird.

Die Überreste einer
Europaflagge schmelzen
unter dem Johlen von
Hundert Gelbwesten

Denn gegen Ende fällt mir die Weste einer Demonstrantin auf. „Q-Anon“ steht dadrauf geschrieben. Q(-Anon) ist eine rechtsextreme Verschöwungsideologie aus den USA und steht für einen angeblichen Whistleblower der immer wieder Informationen aus dem weißen Haus verbreitet. Die Theorie dahinter ist komplex, enthält aber unter anderem die Herrschaft einer geheimen Bankenelite.

Für die Demonstrantin mit der Weste, Vanessa², steht das „Q-Anon“ aber für etwas anderes. Für sie ist es der Auftrag „Informiere dich selber“ und die ‚Wahrheit‘ „Geld regiert die Welt“, sagt sie mir. Und vor allem die Erkenntnis, das wir alle „göttliche Wesen“ seien, die mit Meditation zur Wahrheit kämen. Unser Gespräch beginnt schon seltsam und wirr aber vergleichsweise harmlos, zu dem was ich danach erzählt bekomme.

Reichsbürger in gelber Weste

Als nächstes erzählt mir Vanessa, dass ich gebrainwasht worden bin. Denn ZDF und ARD würden die Menschen manipulieren. Alles würde auf den Militarismus hinlaufen, und dieser auf das große Geld. Als Vanessa mir erzählt, dass die Natur alles hat, was wir brauchen, kommen zwei weitere Gelbwesten hinzu. Ralph¹ und Andreas¹, der später von ihnen als ihr Pressesprecher bezeichnet wird, klinken sich in das Gespräch ein. Alle drei versuchen mich auf einmal zu überzeugen, dass das Grundgesetz überhaupt nicht legitimiert sei Menschenrechte vorzuschreiben, die im übrigen größter Schwachsinn seien. Außerdem seien wir juristisch gar keine Menschen sondern nur Personen, ganz ohne Rechte, also Sklaven.

Als Quellen für das, und das was nachher kommen wird, nennen sie mir das Internet, unter anderem mehrere YouTube Videos und eine ominöse Internetseite ihres Whistleblowers Q-Anon. Warum sie diesen Medien vertrauen, aber den klassischen nicht, frage ich sie. Das sei „das gewisse Risiko“, antwortet Ralph. Dann erklärt mir Vanessa, warum wir im deutschen Reich leben – und nicht in der Bundesrepublik. Es hätte nur die Wehrmacht, die damalige deutsche Armee, aber nie das deutsche Reich kapituliert. „Das deutsche Reich ist nie untergegangen“, sagt Andres. Im Internet könnte ich ja alle Verträge finden.

Vanessas Weste

Die Theorie, Deutschland wäre kein Staat und es existiere nur das deutsche Reich, wird als Reichsbürgertum bezeichnet, da manche Anhänger der Theorie, sogenannte Reichsbürger, eine Art eigenen Staat auf ihrem Grundstück errichten. In der Stadt Aachen gibt es nach offiziellen Angaben 19 Reichsbürger. In der Städteregion 51 davon. Sie werden als rechtsextrem eingestuft und sind wegen ihrer hohen Affinität zu Waffen und der Ablehnung von Demokratie oft gefährlich.

Offener Antisemitismus

Der Nationalsozialismus in Deutschland sei, so sagt Ralph, „12 Jahre Kacke“ gewesen, um die sich jetzt die gesamte Erinnerungskultur drehe. Diese Aussage ist vermutlich angelehnt an die des AfD-Politikers Alexander Gaulands, die Zeit des Nationalsozialismus sei 12 Jahre „Vogelschiss“ gewesen.

Vanessa erzählt mir, dass sie schon länger an Demonstrationen teilnehmen würde. Auch bei der Friedensbewegung 2014, die durch teils stark ausgeprägten Antisemitismus auffiel, war sie aktiv. Angefangen, „dem Geld zu folgen“, habe sie bereits 2001, nach 9/11. Dann sei sie hinter die Machenschaften des Vatikans gekommen, dann hinter die Babylons. Die zwei anderen lachen, als wäre es ein Insider in Q-Anon-Verschwörungskreisen. Mit Insidern und Inside Jobs kennen sie sich ja aus.

Und hinter dem ganzen stehe die Finanzelite. „Vor allem Juden“, sagt sie auf einmal. Verschwörungideologien dieser Art gibt es seit Jahrhunderten. Die Theorie, die Juden würden als Banker die Welt beherrschen führt zusammen mit anderen menschenfeindlichen Annahmen zu der Judenverfolgung der letzten Jahrhunderte, die letztendlich zum Holocaust, der Massenvernichtung der Juden durch Deutschland, führte. Die Aussage, Juden seien die Finanzelite ist eindeutig antisemitisch, auch wenn Vanessa behauptet, die wiederum seien „auch nur Marionetten von etwas, das wir nicht begreifen können“

Der Glaube an die Verschwörung

„Stop Chemtrails“ steht
auf einem Schild,
eine weitere
Verschwörunsgtheorie

Wer im Internet unterwegs ist, gelangt schnell an historische oder faktische Fakes, recherchiert weiter und gelangt in ein „Schwarzes Loch“, wie es der amerikanische Journalist Isaac Stanley-Becker nennt, in das er versucht andere mit zu reißen.

An dem Punkt, an dem Vanessa, Ralph und Andres versuchen mich wahrscheinlich gut gemeint in dieses Loch zu reißen, beende ich das Gespräch. Als ich gehen will treffe ich noch einmal Sven, den ja ich zu Beginn kennen gelernt hatte. Er hat bisher nichts radikales bemerkt. Nichts von den Reichsbürgern, nichts von dem Antisemitismus, nichts von den Verschwörungstheorien. Für ihn sind die Gelbwesten eine friedliche, demokratische Bewegung. Von Vanessa, Ralph und Andreas hat er entweder nichts mitbekommen oder sie nicht als Rechtsextreme erkannt. Wie wahrscheinlich noch einige andere.

Fazit des Autors

Die Gelbwesten sind eindeutig ein Sammelbecken für Menschen verschiedener Ideologien. Zu ihnen gehören sowohl teilweise Linke als auch größtenteils Rechte. Sie eint der Wunsch nach „Weltfrieden“, die Affinität zu Esoterik, der Glaube an Gerechtigkeit, der Wille, weder als links noch als rechts eingeordnet zu werden und die Präsenz von Rechtsextremen in der Bewegung zu ermöglichen und auch zu leugnen. Eine pauschale Bewertung der Bewegung im gesamten und weltweit ist nicht möglich, da sich vor allem der deutsche Ableger stark vom französischen Original unterscheidet. „Extremisten sind nicht willkommen“ als Organisator zu sagen und AfDler als Ordner*Innen zuzulassen, ehemalige NPDler nicht von der Demo zu verweisen und Verschwörungstheoretikern Raum zu bieten ist bigott und eine Gefahr, nicht nur für die Bewegung.


In diesem Artikel wurden mehrere Verschöwungsideologien und -Theorien erwähnt. Informationen zu einigen erhälst du hier.

Wenn du dich selber in einem rechtsextremen Umfeld befindest und aussteigen willst, kannst du dich an „EXIT Deutschland“ wenden.


¹ Name geändert und der Redaktion bekannt ² Name von der Redaktion geändert

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Über Vitus Studemund 20 Artikel
Schwerpunkte sind Aktivismus, Politik und Kriminalität in Aachen und NRW

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In einer Version, die nur kurz online war, war ein Fehler enthalten. Die Angabe, die Demonstration sei heute gewesen haben wir korrigiert. Wir bitten um Entschuldigung.

mr. misterwood
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