„Kritisches Shopping“ – Fridays for Future Aktion in Aachen endet mit Strafanzeige

Außenansicht des Aachener C&A Filiale nach der Protestaktion. Quelle: Bluecloud9 via Flickr

Am vergangenen Samstag (21.12.2019) führten ca. 50 Aktivist*innen von „Fridays for Future“ eine sogenannte Die-In Aktion in der Aachener Filiale des Modekonzerns C&A durch. Dabei kam es zu einem Polizeieinsatz, einer Strafanzeige gegen einen Fotografen und mutmaßlich sogar zu Gewalt durch die Mitarbeiter*innen.

Die Vorweihnachtszeit ist Umweltschützer*innen seit Jahren durch die immer weiter voranschreitende Kapitalisierung der Festtage ein Dorn im Auge. Der Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel sprach im Deutschlandfunk zuletzt sogar von einer „reinen Konsumschlacht“, welche durch „Die Verblödung und den ethischen Substanzverlust der Gesellschaft“ auf die Spitze getrieben würde.

Hintergrund: Gerade in der Weihnachtszeit entsteht durch ungewollte Geschenke oder aufwändige Verpackungen viel Müll. Das Engagement vieler Händler*innen in der Causa „Nachhaltigkeit“ ist also nutzlos, wenn die Menschen nicht benötigte Konsumgüter zu oftmals günstigen Kampfpreisen kaufen.

Die Aachener Innenstadt ist am Nachmittag des 21.12.2019 sehr gut besucht – Obwohl die Händler*innen im Nachhinein eine nicht Zufriedenstellende Bilanz des diesjährigen Weihnachtsgeschäftes ziehen werden, locken der große Aachener Weihnachtsmarkt und die milden Temperaturen die Menschen in die Innenstadt. Die Öffentlichkeit sowie die Geschäfte ziehen auch einige Aktivist*innen der Aachener Ortsgruppe von Fridays for Future an – ursprünglich wollte die Gruppe zuerst wie bei einer vergleichbaren Aktion im Juli ein sog. Die-In im Einkaufszentrum AquisPlaza durchführen. Allerdings hat der dortige Sicherheitsdienst offenbar aus der damaligen Blockade gelernt und verwehrten den Aktivist*innen den Eintritt.

Daraufhin entschloss man sich, das Die-In in einer Filiale der Modekette C&A durchzuführen. Am Rand der Gruppe stehen ein Aachener Fotograf, ein Redakteur von AiXformation sowie ein Pressesprecher der Aachener Ortsgruppe. Gegen 15:15 ruft jemand aus der Aktion „Fast-Fashion tötet“ und startet damit das Die-In, alle Aktivist*innen legen sich auf den Boden. Nach einiger Zeit werden auch demotypische Parolen angestimmt. Die Situation scheint friedlich und übersichtlich zu sein.

Vergleichbare Aktionen gab es in der Vergangenheit bereits vielfach, diese entwickelte sich jedoch innerhalb kürzester Zeit für alle Beteiligten zur Farce. Wenige Minuten nach dem Beginn der Aktion informiert der Filialleiter die Aktivist*innen ohne vorherige Kommunikation, dass sich die Polizei „bereits auf dem Weg“ befände, Mitarbeiter*innen stellen sich vor einen nahegelegenen Ausgang des Geschäfts und wollen sicherstellen, dass die Aktivist*innen das Geschäft nicht verlassen. Man fordert lautstark die Präsenz „eines Ansprechpartners“ seitens der Aktivisten.

Der oben erwähnte Aachener Fotograf, welcher die Aktion dokumentierte, wird von einigen Mitarbeitern verbal angegangen – und nach Aussage des Fotografen sogar geschubst.

AiXformation liegt hierzu eine Stellungnahme des C&A-Sprechers Jens Voelmicke vor. C&A legt eine Verständigung der Polizei bei Demonstrationen in den Räumlichkeiten der Filialen demnach in das Ermessen der jewiligen Filialleitung. Aus der Sicht des Unternehmens stellt die gewaltfreie Aktion der Aktivist*innen ein „massives Eindringen“ dar, außerdem sei man nicht in der Lage gewesen, eine Eskalation der Demonstration auszuschließen.

Viel Interessanter ist jedoch die Antwort auf den Umgang mit dem Aachener Fotografen. „Medienvertreter, die in unseren Häusern filmen oder fotografieren wollen, müssen aus Datenschutzgründen und zum Schutz des allgemeinen Persönlichkeitsrechts des Einzelnen vorab eine Genehmigung einholen. Eine solche Genehmigung konnte der Fotograf in Aachen nicht vorweisen und wurde daher gebeten, das Fotografieren einzustellen und auf die Polizei zu warten.“

C&A zeigt mit seiner Antwort, dass der Fotograf als Medienvertreter wahrgenommen worden ist. Der Aspekt, dass das Beantragen einer Genehmigung zur Dokumentation einer spontan anberaumten Aktion zivilen Ungehorsams („Demonstration“), bei der außerdem ein starkes öffentliches Interesse vorliegt, zeitlich nicht möglich ist, scheint C&A fremd zu sein.

Weiter heißt es: „Dieser Aufforderung wollte der Fotograf jedoch nicht nachkommen. Es ist daher nachzuvollziehen, dass der Filialleiter gegenüber dem Fotografen ein Hausverbot aussprach und Anzeige erstattete.“

Es ist daher nachzuvollziehen, dass der Fillialleiter (…) Anzeige erstattete.

Jens Voelmicke, Pressesprecher C&A

Die Polizei Aachen bestätigte den Einsatz und ergänzte, dass die Beamt*innen die Personalien des Fotografen auf Grundlage des Nordrhein-Westfälischen Polizeigesetzes zur „Sicherung zivilrechtlicher Ansprüche“ im Rahmen der Gefahrenabwehr an das Unternehmen gegeben hat. Dieses erstatte daraufhin durch den Filialleiter eine Anzeige gegen den Fotografen.

Eine Gewaltanwendung könne man „nicht bestätigen“, man werde den Vorwurf aber „sorgfältig prüfen“. Der Sprecher der Aachener Ortsgruppe sprach gegenüber AiXformation von einem vergleichsweise eskalierendem Verhalten der Mitarbeiter*innen, man sei „von der sehr konfrontativen Haltung durchaus überrascht worden“. Bei C&A erklärt man nur knapp, dass die Mitarbeiter*innen in solchen Situationen zu einem deeskalierenden Verhalten angehalten seien. Dies beinhalte auch die Verständigung der Polizei.

Der Fotograf twitterte, dass er durch die Polizeibeamten zur Löschung der Bilder gezwungen worden sei – „Alle meine Fotos und Videos von vor Ort sind nun leider gelöscht. Ein Befehl der Polizei Aachen.“

Fazit: C&A lässt seinen Mitarbeiter*innen in solchen Situationen offenbar einen großen Spielraum und verfügt nicht über eine einheitliche Verfahrensweise. Die Vorgaben zur Akkreditierung von Medienvertreter*innen sind für spontan anberaumte Ereignisse nicht einzuhalten und verhindern somit bewusst eine kritische Berichterstattung. Die Maßnahmen gegen den Fotografen scheinen ihre Wirkung jedoch verfehlt zu haben. Aufgrund der Festsetzung existieren nun zahlreiche Videos, AiXformation veröffentlicht hier einen Zusammenschnitt:

Avatar
Über Peer Schwiders 8 Artikel
Schwerpunkte sind Aktivismus und nachhaltige Mobilität.

Hinterlasse einen Kommentar

avatar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

  Abonnieren  
Benachrichtige mich bei