Ex-Hotspot Heinsberg

"Querdenken" trifft auf Zuspruch und Skepsis

Ex-Hotspot Heinsberg: „Querdenken“ trifft auf Zuspruch und Skepsis

Ein Mitarbeiter des Ordnungsamtes vor einer Demonstrantin mit Plakat. Fotos: aix:media
  • In Heinsberg haben am Samstag 170 Menschen gegen die Corona-Maßnahmen demonstriert.
  • Die 40 Gegendemonstrant:innen warfen den selbsternannten „Corona-Skeptikern“ fehlende Solidarität und das Propagieren von Verschwörungstheorien vor.
  • Der Kreis Heinsberg gilt als Erstregion des Coronavirus in Deutschland, weil es hier Ende Februar 2020 zum ersten großen Ausbruch des Coronavirus kam.

Feature/Heinsberg | Von korrupten Polizisten, „teuflischen pharmazeutischen Erzeugnissen“ und Politikern, die der „dunklen Seite“ dienen würden, singt Xavier Naidoo aus einer schwarzen Musik-Anlage heraus. Ein Ordner in blauer Weste und mit Headset rollt sie über die Heinsberger Ostpromenade. Hinter ihm ziehen fast 170 Demonstrant:innen durch die 40-Tausend-Seelen-Stadt.

Kleines Bündnis kooperiert mit strittiger Bewegung

Die Wahl des Ortes hat Symbolkraft. Denn mit dem gleichnamigen Kreis Heinsberg dürften viele vor allem den ersten großen Ausbruch der COVID-19-Pandemie in Deutschland verbinden. Dem Aufruf des Bündnisses „Heinsberg steht auf“ zur Demo folgten Teilnehmende aus ganz Nordrhein-Westfalen.

„Heinsberg steht auf“ kooperiert nach eigenen Angaben mit Querdenken-Gruppen aus der Umgebung. Die bundesweit aktiven Querdenken-Gruppen sind Ableger der umstrittenen Bewegung Querdenken 711 aus Stuttgart. 711 steht für die örtliche Telefonvorwahl.

Die Bewegung stand zuletzt wegen zwei Großdemonstrationen in Berlin im Fokus der Öffentlichkeit, hat Überschneidungen zu Verschwörungsideologien, unter anderem Reichsbürgern, und wird auch von Rechtsextremen unterstützt. Während einer der Großdemonstrationen kam es von anderen Gruppen zur Stürmung der Reichstagestreppe, die tagelang für Schlagzeilen sorgte.

Demo-Teilnehmende und Passant:innen kommen ins Gespräch

Zu Ausschreitungen kommt es am Samstag in Heinsberg dagegen nicht. Viele Demonstranten und Demonstrantinnen sind mitteilungsbedürftig und suchen stattdessen den Dialog mit Fußgänger:innnen. Um Vorurteile abzubauen, wie ein selbstgebasteltes Schild verrät. Aber auch die Gegenseite zeigt sich interessiert. Denn hier gibt es unterschiedliche Ansichten – und Skepsis.

„Ich geh damit etwas bewusster um, weil ein guter Freund von mir an Corona gestorben ist – und zwar in der ersten Welle“, erzählt Peter (71), der selber aus dem Kreis Heinsberg kommt. Der Demonstrant, den er angesprochen hat, will ihm stattdessen eine Broschüre der Great Barrington Declaration in die Hand zu drücken. Für den heftig kritisierten Brandbrief einiger internationaler Wissenschaftler:innen interessiert sich Peter wenig. Unzufrieden gehen beide auseinander.

An einer Stelle wird es ernster. Ein Demonstrant beleidigt und bedroht einen Radfahrer, als dieser beginnt ihm von Risikopatienten in seinem eigenen Umfeld zu erzählen. Auch unser Redakteur wird von einem Teilnehmer eingeschüchtert, der sich später dafür entschuldigt.

40 Menschen bei Gegendemonstration

Aber nicht nur einige Passanten und Passantinnen verärgert der Protest. Der Juso-Kreisverband hat eine Gegendemonstration organisiert. Keine 50 Meter von der Start- und Endkundgebung stehen 40 Menschen mit Plakaten, Schildern und Fahnen. Die Botschaft ist klar: „Für uns ist wichtig, dass Abstand gehalten wird. Dass wir solidarisch sind. Und, dass wir in einer solidarischen Gemeinschaft leben. Nicht in einer ignoranten und arroganten, wie da drüben“, erklärt Torben, der die Gegendemonstration mitorganisiert hat.

Vor allem eines verärgert viele: dass auf der anderen Seite vor allem Menschen stehen, die nicht von hier kämen. Stattdessen werde der Kreis instrumentalisiert. „Wir sind stolz, dass hier auf der Seite so viele Heinsberger Bürger:innen und Parteien stehen“.

Wie viele Demonstrant:innen der Gegenseite aus dem Kreis Heinsberg kommen, lässt sich nicht überprüfen. Gespräche mit den Teilnehmenden legen aber zumindest nahe, dass ein Großteil angereist ist. Auch Querdenken 421, der Aachener Querdenken-Ableger, nimmt an der Demonstration teil.

Friedenssymbolik und rechte Esoterik

„Die SPD ist auch nicht mehr das, was sie einmal war“, lautet der Kommentar einer „Querdenkerin“ zur Gegendemo, als die „Corona-Skeptiker“ nach dem Umzug wieder den Kundgebungsort erreichen. Dass hier vermutlich nicht die Haupt-SPD-Wählerklientel mitläuft, ist klar. Wie die anderen Teilnehmenden politisch orientiert sind, meinen manche Mitdemonstrant:innen gar nicht zu wissen. Eher scheint es egal zu sein – und das, obwohl das politische Tableau einiges aufzubieten hat.

Eine weiße Taube prangt groß auf einer himmelblauen Fahne. Das Zeichen der Friedensbewegung hat Kult-Status. Auch Friedens-bemühte Esoteriker und Esoterikerinnen fallen durch ihre Symbolsprache schnell auf. Auf den ersten Blick ungewöhnlich ist dagegen ein goldener Kreis mit einem Punkt in der Mitte, den man auf T-Shirts entdecken kann. Es ist das „Wahrheitszeichen“. Ein rechter Esoteriker und Medienschaffender, Shootingstar des Milieus, verkauft das schlichte Symbol auf Kleidung, Kerzen und Schutzamuletten teuer im Netz. Seine Videos gelten als Brücke von Grundmisstrauen zu rechtsextremen Positionen.

Auch Impfkritiker:innen sind unter den Demonstrant:innen. Kritisch sind sie erst recht gegenüber einem Corona-Impfstoff, verraten die Plakate. Eine der Impfgegner und Impfgegnerinnen ist eine Frau, die in der Szene lokal bekannt ist und in den letzten Tagen in einem Chatverlauf, der AiXformation.de vorliegt, den Holocaust in seinem Ausmaß mutmaßlich geleugnet hat.

Hauseigene Medienschaffende

Medienvertretende halten sich an dem Tag in Heinsberg eher im Hintergrund, solange sie nicht in Gespräche verwickelt werden. Kritische Journalist:innen sind auf  Demos dieser Art nicht immer gerne gesehen. Ein paar Ausnahmen fallen auf. Die Männer und Frauen filmen selbstbewusst mitten aus der Menge heraus. Es sind die eigenen Medienschaffenden der Szene, diejenigen, die geduldet werden. Die bekannteste von ihnen ist eine AfD-Frau aus Düren. Die Patriotin streamt regelmäßig rechte Demonstrationen ins Netz. Auch in Berlin war sie vor Ort. Aus Heinsberg berichtet sie für das Medienprojekt eines bayerischen AfD-Funktionärs und Verschwörungstheoretikers.

Redebeiträge zeigen: Querdenken ist ein Sammelbecken

Was gezeigt wird – und was nicht gezeigt wird -, lässt aber nicht immer sofort die politische Einstellung erkennen. Deutlich wird das Sammelbecken Querdenken bei den Redebeiträgen. So beschwert sich eine Medizinstudentin, die selber einer Risikogruppe angehört, glaubhaft über „selbsternannte Ordnungshüter“, die sich in ihre Gesundheit einmischen würden.

Beifall erntet aber auch ein Redner aus Dortmund, der fordert, Kolonien zu gründen, um sich vor Impfungen zu schützen. Ein anderer Redner äußert sich auffallend oft extrem frauenfeindlich – und entschuldigt sich mit dem Vorwand, nur Witze gemacht zu haben. Einige Demonstrierende johlen ihm zu. Wenig hinterfragend, wenig querdenkend.


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Redaktionelle Mitarbeit: Isabel Redondo Luceño

Vitus Studemund
Über Vitus Studemund 35 Artikel
Vitus Studemund schreibt über Protest und Politik in Aachen.

16 Kommentare

  1. Sehr geehrte Damen und Herren,
    Sie schreiben in Ihrem Artikel über die Heinsberg Demo vom 17.10.2020, „ kritische Journalisten „!werden nicht gerne gesehen.

    Das ist es doch was die Demonstranten fordern: nämlich kritische Journalisten, genau jene due sich auch ernsthaft um den Inhalt dessen was due anderen sagen bemühen. Ich bitte Sie, gerne stehen wir bereit.

    Freundliche Grüße
    Monika Jansen

    • Ihr Kommentar ist nicht ernst zu nehmen. Wenn sie einen Redner haben, der halb Heinsberg zusammenbrüllt und das in einem Tonfall, bei dem man froh sein kann, wenn man überhaupt etwas versteht, würde wohl keiner gerne mit euch reden. Ich finde die Arbeit dieses Journalisten sehr gut. Sie stehen in Heinberg auf verlorenem Posten. 85% für den Pusch sprechen für sich und sie sind doch so wenige, dass sie extra Publikum ankarren müssen. Ich hoffe, dass der Journalist seine sehr gute Arbeit fortsetzt und sich solche Kommentare, wie den ihrigen nicht zu Herzen nimmt.

  2. Hauseigene Medienschaffende und kritische Journalisten werden nicht gerne gesehen? Da ist meine Wahrnehmung eine ganz andere. Wie schön wäre es würden KRITISCHE Journalisten sich des Themas annehmen und die Vorwürfe der Demonstranten beleuchten und entkräften. Aus welchem Grund wird diese andere Meinung abgetan ohne sie zu hinterfragen? Wäre es nicht besser diesen Menschen ihren Irrtum aufzuzeigen? Oder ist das gar nicht möglich da sie doch in einigen Punkten recht haben?

    • An ihrem Kommentar sieht man doch schon, dass sie so von ihrer Meinung überzeugt sind, das eine Diskusion mit ihnen verschwendete Zeit wäre. Ihr nehmt euch die Studien raus, die euch passen, oder biegt sie so zurecht, wie es gut für euch ist. Der Rest ist von der Bösen, wie ihr sagen würdet „Merkelstasi“ beeinflusst. Das ist das Problem mit Menschen, die Blind einer Ideologie folgen. Aber ihrer Forderung, dass sich „KRITISCHE Journalisten“ der Sache annehmen sollten ist dieser Jounalist meiner Ansicht nach sehr gut nachgekommen.

  3. Leider haben Sie es versäumt, die eigentlichen Beweggründe der Corona-„Massnahmen“-Kritiker darzustellen. Stattdessen arbeiten Sie mit pauschalisierten Diffamierungen der Teilnehmer. „Selbsternannte Corona Kritiker“, was soll das. Sollen wir warten, wie die Regierung uns benennen möchte, in Berlin hat sie es ja schon versucht. Und Sie machen dabei munter mit. Die polizeilich zugelassene Reichstagsstürmung hat nichts mit der Demo in Heinsberg zu tun. Ihre Erwähnung dient nur dazu vorgefertigte Meinungen unreflektiert zu transportieren. Sind kritische Journalisten für Sie nur diejenigen,die die Meinung der Regierenden teilen und immer auf der Suche nach rechtem Gedankdngut sind, um eine Bewegung mundtot zu machen. Warum berichten Sie nicht auch darüber, wie Menschen von der Gegendemonstration Gesprächen ausweichen, am Rande des Zuges stehen und die Teilnehmer beschimpfen. Oder mit Sprechchören wie „Nazis raus“ die Massnahmen-Kritiker beleidugen. Das Niederbrülken von Andersdenkenden ist eigentlich kein Zeichen einer streitenden Demokratie. Und die Bezeichnung „Nazi“ ist zudem eine unzulässige historische Relativierung der Nazi-Diktatur und ihrer Verbrechen. Den Jusos täte es gut ihrer Mutterpartei auf die Finger zu klopfen, immer wieder die Maßnahmen der Coronapolitik zu hinterfragen und im Sinne Willy Brandts mehr Demokratie zu wagen. Sie sollten sich auch so gut informieren, wie es eine 16 Schülerin bei unserer Demo tat. Sollten sich die Jusos mit ihrer Solidarität nicht auch für die wirtschaftlichen, physischen und psychischen Lockdownopfer einsetzen
    Wir bleiben gesprächsbereit und bleiben Sie kritisch, aber vielleicht auch mal den Mächtigen gegenüber. M.f. G. Thomas J.Birgel M.A.

  4. Übrigens waren beim Spaziergang durch ein Wohnviertel (das ist Demonstrationsrecht in Deutschland) 230 Teilnehmer. Die Zahl 40 bei der Gegendemo scheint allerdings etwas zu hoch gegriffen.

    • Hallo Thomas,
      wir haben die Teilnehmenden gezählt. Bei dem Spaziergang waren es unter 170. Direkt danach kamen aber noch weitere Demonstranten und Demonstrantinnen zu der Kundgebung. Beide Zahlen beziehen sich wie meist üblich auf die Spitzenzeiten der Demonstrationen. Die war bei den Jusos etwa nach einer halben Stunde und bei der „Heinsberg steht auf“-Demo, nachdem der Umzug wieder zum Kundgebungsplatz kam, erreicht.

        • Jo Thomas. Hast du jedem ein bedrucktes Blat mit einer Nummer in die Hand gedrückt? Bist du dir denn auch ganz sicher, dass ihr nicht, wie in Berlin wieder 4 Millionen wart? Ich traue diesem Journalisten zu, dass er sich gut Informiert hat.

          • Der Pressesprecher der Polizei war am Samstag nicht mehr zu erreichen. Aus Polizeikreisen war aber zu vernehmen, dass um die 150 Teilnehmende gezählt wurden.

  5. Guten Tag Herr Studemund, wie ich sehe reagieren Sie mitunter auf Kommentare. Meine Fragen im obigen Kommentar waren ernst gemeint. Es wäre schön, wenn Sie mir bei der Suche nach Antworten helfen.
    Viele Grüße
    Sonja Kretschmann

    • Hallo Frau Kretschmann,
      dass kritische Journalisten und Journalistinnen nicht immer gerne gesehen werden halt ich nicht für eine strittige Aussage. Seit Tagen wird in Chat-Gruppen gegen einen Journalisten der AN/AZ gehetzt, auch von Ordnern der „Heinsberg steht auf“-Demonstration. Vor einigen Wochen wurde er bei einer Demonstration verletzt. Das hindert einen Mit-Organisator nicht daran, sensible persönliche Daten zu verbreiten.
      Aber auch Journalisten und Journalistinnen, die nicht über die Demos, sondern die Coronakrise an sich – kritisch gegenüber denen, die in anderen Kommentaren „die Mächtigen“ genannt wurden – berichten, haben bei Demos gegen die Corona-Maßnahmen oft keinen guten Ruf. So wurde bei dem Besuch von Bodo Schifmann & co. heute in Aachen gegen Lars Wienand aufgestachelt. Und das, obwohl Winand z.B. Ischgl als Super-Spreading-Event mitaufgedeckt hatte.
      Die Parolen, Thesen und Theorien der Demonstrant*innen in Heinsberg waren heterogen. Auf jede einzelne kann nicht eingegangen werden. Um das weit gesträute Spektrum zu veranschaulichen habe ich versucht verschiedene Redebeiträge unterschiedlicher Coleur und unterschiedliche Gruppen, die teilgenommen zu haben, in dem Artikel genannt. Ich freue mich, dass Sie ihn gelesen haben.

  6. Sehr guter Artikel. Bringt es komplett auf den Punkt. Die negativen Kommentare hier beweisen ironischer Weise, wie „Querdenken“ mit kritischen Journalist*innen umgeht.

    Frage mich auch wie man auf die Zahl von 233 kommt, wenn alle widersprechen (Polizei & diverse unbefangene Journalist*innen) aber naja.

    NWeiter so!

  7. Guten Tag,

    vielen Dank für die Veröffentlichung dieses Artikels; ich habe ihn als sehr lehrhaft empfunden und freue mich darüber, dass auch von Anti-Corona-Protesten in eher ländlichen Regionen berichtet wird, auch wenn diese nicht so groß werden, wie in größeren Städten.
    Vor allem, dass es auch in einer so verhältnismäßig kleinen Ortschaft couragierten Gegenprotest gegeben hat, freut mich sehr.

    Ich wünsche einen schönen Tag!

  8. Das ist ein sehr objektiv und sachlich geschriebener Artikel, der sich trotzdem sehr schön lesen lässt. Danke fürs Schreiben, hoffentlich kommen noch weitere Berichte 🙂

  9. Guten Abend Herr Studemund, vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort. Leider fürchte ich, dass wir aneinander vorbei reden.
    Mich interessiert aus welchem Grunde die Thesen und Theorien der Demonstranten nicht aufgegriffen und hinterfragt werden. Denn es sind doch oft immer gleiche oder ähnliche Aussagen, oder nicht? Würde man diese Thesen widerlegen, wäre dann nicht bald Schluss mit den Demos? Hätten die Menschen dann nicht einen neuen Denkanstoß? Wäre es als kritischer Journalist nicht schön jede Seite der Medaille zu betrachten?
    Das wäre mein Wunsch, eine gute Berichterstattung über das Thema Covid-19 als solches, um einige Missverständnisse gar nicht erst aufkommen zu lassen.
    Ich weiß natürlich nicht, ob das zur inhaltlichen Ausrichtung Ihrer Zeitung passt.

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