NRW-Schul-Chaos

Protest, Boykott und vor allem Verwirrung

NRW-Schulöffnungen: Protest, Boykott und viel Verwirrung

Armin Laschet, hier beim CDU-Parteitag 2018, bewies sich mindestens zu Anfang der Corona-Einschränkungen als krisenfähig. Doch dieses Bild wackelt bei manchen, vor allem vielen Abiturient*innen.
  • In NRW hatten die ersten Exit-Maßnahmen, die die Schulen betreffen, teilweise für viel Verwirrung gesorgt.
  • Heute kündigten zahlreiche Schüler und Schülerinnen in sozialen Netzwerken an, die Schule zu boykottieren.
  • Auch laufen weiterhin digital Proteste gegen das Stattfinden von Abiturprüfungen während der Coronakrise. Wir haben mit den Macher*innen einer Heinsberger Petition gesprochen.

HEINSBERG/DÜSSELDORF | „Ich plädiere dafür, dass wir eine möglichst einfache Regelung in allen deutschen Ländern haben – keine Alleingänge irgendeines Landes, sondern eine Regelung in 16 Ländern, die die Menschen auch verstehen“, mahnte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet noch am Mittwoch, dem 15. April 2020, in einem Pressestatement. Der darauf folgende, vielleicht noch wichtigere Satz ging jedoch teilweise unter: „Und dann wird es flexible Lösungen auf den jeweiligen Bedarf eines Landes hin geben, (…) eine Flexibilität in grundsätzlicher Übereinstimmung.“

Was Laschet darunter verstand, zeigte sich schon am Donnerstag darauf. Auf einer Pressekonferenz in Berlin präsentierte Bundeskanzlerin Angela Merkel zusammen mit Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder und Hamburgs Oberbürgermeister Peter Tschentscher die Ergebnisse der mehrstündigen Bund-Länder-Videokonferenz: Neben vielen weiteren Punkten gehörten dazu die schrittweisen Schulöffnungen ab dem 4. Mai. Kurz darauf stellte Düsseldorf jedoch in unpräzisen Formulierungen klar, dass manche vielleicht schon ab nächster Woche in die Schule gehen könnten

„Ich würde es als Kommunikations-GAU bezeichnen“

Überrascht von der unerwarteten Diskrepanz zu den Aussagen anderer Bundesländer war auch der Heinsberger Landrat Stefan Pusch, der zu dem Zeitpunkt „nicht an verlässliche Informationen kommen“ konnte, wie er in einer Videobotschaft verriet. „Und daran sieht man eigentlich auch schon, was da für ein Informationschaos in den letzten Tagen angerichtet worden ist. (…) Ich würde es als Kommunikations-GAU bezeichnen.“

Die brisante Nachrichtenlage hinterließ auch im Netz, dessen Stimmung ohnehin schon angeheizt gewesen war, Spuren. Schulministerin Yvonne Gebauer und Familienminister Joachim Stamp (beide FDP) hatten zwei Tage zuvor angekündigt, dass die Schulen direkt nach den Osterferien wieder sukzessive öffnen sollten und ernteten teils Lob, teils Unverständnis. Besonders in sozialen Medien machte sich aber der Unmut breit.

„Warum sollte es keine Solidarität gegenüber uns geben?“

Viele Jugendliche finden aber auch andere Wege, um sich aus ihrer Situation zu behelfen – auch im Kreis Heinsberg, der besonders betroffen ist: Die Abiturjahrgänge von mittlerweile 14 Schulen, darunter ein Berufskolleg, drei Gesamtschulen und 10 Gymnasien, fordern in einer eigenen Petition ein Durchschnittsabitur. Das bedeutet, dass sich die Abiturnoten nur aus den bereits geschriebenen Klausurnoten der Qualifikationsphase zusammensetzten, anstatt das zusätzlich Abiturprüfungen abgelegt werden müssen.

„Das Abitur des Landes NRW wird überall anerkannt und ist somit dem Abitur in anderen Ländern gleichgestellt“, erklärte die Schülerin und Mitinitiatorin Laura Savelsberg gegenüber AiXformation.de. „Wir (haben) bereits die letzten zwei Jahre auf unser Abitur hingearbeitet. Die Landesregierung stellt es im Moment so dar, als ob die Prüfungen das wichtigste der Abiturnote ausmachen. Dabei stellt sie ’nur‘ 1/3 der Note am Ende. Dieses 1/3 ist es unserer Meinung nach nicht wert, die Epidemie weiter zu verschärfen. Uns wird in den letzte Wochen immer mehr von Solidarität gegenüber anderen gepredigt, warum sollte es keine Solidarität gegenüber den Abiturient*innen geben?“

„Die Entscheidung der Landesregierung vergrößert soziale Ungerechtigkeit“

Auch die letzte Entscheidung der Landesregierung, freiwilligen Unterrichtsersatz ab der nächsten Woche anzubieten, kritisiert Savelsberg scharf: „Dieser Unterricht minimiert nicht soziale Ungerechtigkeit, sondern vergrößert die Lücke noch. Nun werden diese Schüler*innen vor die Wahl gestellt: Gehe ich in die Schule, um mich gut und in Ruhe auf mein Abitur vorzubereiten, gehe dabei aber eine Gefahr ein, dass ich mich und damit auch meine Familie (…) mit dem Coronavirus infizieren oder bleibe ich zu Hause in ’sicherer‘ Umgebung und bin schlechter vorbereitet durch einen Nachteil wie bspw. das Fehlen von mobilen Endgeräten.“

Hinzu kommt, dass die Lehrkräfte und Schulleitungen nur drei Tage Vorlauf haben, um sich auf die Unterrichtsersatzmaßnahmen vorzubereiten – zu wenig, meint Bildungsexperte Armin Himmelrath im WDR: „Mehr Räume oder alternativ ein Schichtbetrieb. Das kann nicht in zwei oder drei Arbeitstagen organisiert werden.“

Trotzdem: Es gibt gute Gründe für die Entscheidung der Landesregierung. Dabei muss nämlich auch beachtet werden, dass die Sommerferien in NRW außergewöhnlich früh starten – also weit weniger Zeit bleibt als beispielsweise in Bayern, dessen Ministerpräsident Söder sich geschickt als wesentlich strickter profiliert. Auch stimmt es, dass ein Durchschnittsabitur vermutlich den Abiturjahrgang 2020 kollektive „entwerten“ könnte.

Und dennoch gehen die kritischen Stimmen nicht ohne Reaktionen an den meisten Jugendlichen vorbei. Unter dem Hashtag #SchulboykottNRW, der fast den ganzen Tag die Twitter-Trends besetzte, kündigten zahlreiche Schüler*innen an, unter den aktuellen Umständen bewusst noch nicht zur Schule zu gehen. Auch Fridays for Future Deutschland unterstützte den „Boykott“.

Kampf dem Chaos per Instagram-Q&A

Aber es gibt nicht nur sachliche Kritik: Unter den letzten Posts von Laschet gibt es teilweise auch Beleidigungen weit unter der Gürtellinie. In der Netzkultur ist das bei Jugendlichen jedoch auch oft kein böser Wille, sondern indiziert vielmehr die individuelle Betroffenheit durch die Maßnahmen.

Laschet reagierte mit einer heutigen Q&A-Runde, von vermutlich an die Tausend eingegangenen Fragen beantworte er über die Instagram-Storyfunktion sieben. Nach fünf Wochen der Schulschließungen, vier der Kontaktsperre und einer energischen Debatte über eine seine Politik unterstützenden Studie bleiben vermutlich jedoch deutlich mehr offen.


Redaktionelle Mitarbeit: Peer Schwiders

Beitragsbild: © Olaf Kosinsky Olaf Kosinsky creator QS:P170,Q30108329 , 2018-12-07 Armin Laschet CDU Pateitag in Hamburg-2478, CC BY-SA 3.0 DE.

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Über Vitus Studemund 25 Artikel
Schwerpunkte sind Aktivismus, Politik und Kriminalität in Aachen und NRW
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