Querdenken-Bündnis in Heinsberg

Vom Parkplatz in den Bürgerkrieg

Vom Parkplatz in den Bürgerkrieg: Querdenken-Bündnis bleibt in Heinsberg aktiv

Heinsberg | Die vier Teilnehmenden in weißen Schutzanzügen stechen auf der „Heinsberg steht auf“-Demonstration besonders hervor. Nebeneinander führen sie den Demoszug an, auf dem Rücken Schilder mit sarkastischen Aufschriften wie „Denken nicht erlaubt!“, „Überwachung der Privatsphäre!“ und „Keine Fragen stellen!“.

Querdenkend in Heinsberg

„Frieden, Freiheit!“, skandieren sie zusammen mit den anderen Teilnehmenden in den Straßen Heinsbergs. Doch während diese Parolen zeitgleich bei dem Massen-Protest in Leipzig von Übergriffen gegen Journalist:innen und Ordnungskräfte begleitet werden, verläuft die Aktion vor Ort völlig gewaltlos – und sehr viel kleiner.

Grund hierfür könnte die hohe Polizeipräsenz gewesen sein, die von Beginn an die Veranstaltung gegen die Corona-Schutzmaßnahmen prägte. 500 Teilnehmende wurden für die Demonstration in Heinsberg angemeldet, gekommen waren nur etwa 90, verhältnismäßig viele Ordnungskräfte hatten sich auf dem Parkplatz am Heinsberger Stadtrand versammelt. „Fast mehr Uniformierte als Demonstranten“, titelten die Heinsberger Nachrichten.

Einer der Teilnehmenden weigerte sich, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen, und erntete dafür einen Platzverweis. Doch auch der Rest der Versammlung musste immer wieder zum Einhalten der Schutzverordnungen aufgefordert werden. In Zusammenhang mit der Maskenpflicht bewiesen einige derweil außerordentliche Kreativität: So fiel ein Mann, der sich Tampons und Maschendraht vor das Gesicht gebunden hatte, auf skurrile Weise auf – wobei die Wirksamkeit eines solchen Mund-Nasen-„Schutzes“ wohl eher gering ist.

Die Furcht vor „Merkels Masken-Diktatur“

Tatsächlich schienen die Teilnehmenden die Maskenpflicht als eine der bedrohlichsten Schutz-Maßnahmen zu empfinden, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen. Viele Redebeiträge drehten sich um das Tragen der Masken im Schulunterricht und den angeblichen Schaden, den die Jüngeren hierdurch aufgrund des Sauerstoffmangels erleiden würden. Bewiesen wurde dies noch nicht.

Doch auch im Gespräch mit Demonstrant:innen dominierte das Thema. Eine junge Mutter berichtete über die, ihrer Ansicht nach, völlig überzogenen Maßnahmen, von ihrer kleinen Tochter kommentiert mit „blöde Masken!“. Doch auch der Glaube an drohenden Demokratieverlust und angeblich bereits vorhandenen diktatorische Strukturen sorgte für viel Angst. Geschürt wird das durch emotionale Reden, die eine apokalyptisch wirkende Zukunft prophezeiten.

Auch wurden öfters die anwesenden Polizist:innen direkt angesprochen und aufgefordert, in dem „drohenden Bürgerkrieg“ auf der richtigen Seite zu stehen. Ein weiterer Redner verharmloste den Inhalt rechtsextremer Chatgruppen deutscher Polizist:innen; auch die behauptete Gefahr vom Ausbau des 5G-Netzes findet Erwähnung.

Aufsehen erregte speziell ein Arzt, der sich spontan dazu entschied, eine Rede zu halten. In dieser bat er die Demonstrant:innen, sich auch mit der anderen Seite des Geschehens zu befassen, und erzählte von eigenen Erfahrungen mit Corona-Infizierten. Währenddessen versuchten einige Teilnehmende mehrfach, ihn zu unterbrechen und stellten im Anschluss an die Rede seine medizinische Kompetenz infrage.

Verschwörungstheorien und Judenverfolgungs-Verharmlosung vor dem Aachener Rathaus

Auch in Aachen fand am Samstagmittag eine Demonstration gegen die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus statt. Dem Aufruf von „Aachener für eine Menschliche Zukunft“ rund um den umstrittenen Aktivisten Ansgar Klein folgten über 100 Menschen. In Reden wurden verschiedene Verschwörungsmythen verbreitet. Ein Mann deutete an, dass der vor kurzem verstorbene SPD-Politiker Thomas Oppermann wegen seiner Kritik an dem Vorgehen der Regierung ermordet worden seien könnte. Mit einem Vergleich von der Maskenpflicht mit Judensternen wurde die Judenverfolgung im dritten Reich von einem Redner bagatellisiert.

Meinung der Autorin

Längst ist zu erkennen, dass die „Querdenken“-Bewegung nicht bloß die Gesundheit der Mitbürger:innen durch verantwortungsloses Handeln gefährdet, sondern in Teilen sogar vor Gewalt nicht mehr zurückschreckt, um zu demonstrieren. Und zwar nicht bloß gegen die Corona-Auflagen; auch das demokratische, gewaltlose Miteinander wird immer stärker gefährdet. Durch Einschüchterung der Presse, durch Verbreitung von Verschwörungstheorien und die deutliche Nähe zum Rechtsextremismus. Eine Entwicklung, der sich die Gesellschaft entgegenzustellen hat.

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