“Wir sind die Welle” – So ist die neue Netflix-Serie über Aktivismus

Netflix versucht sich an dem Klassiker von Morton Rhue. Gedreht wurde auch in Düren.

Aktivismus statt Faschismus: Netflix dreht die Geschichte über die Schulklasse, die durch ihren Lehrer als Experiment zur Nazi-Bewegung wird, kurzerhand auf links. Bild: Netflix

Das sagt die Redaktion: 3.5 out of 5 stars (3,5 / 5)

Durch die Klimaschutzdebatte und „FridaysForFuture“ wurde politischer Aktivismus in diesem Jahr zum zentralen Debattenthema der deutschen Medienwelt. Der Streamingdienst Netflix veröffentlichte nun mit seiner neuen Serie „Wir sind die Welle“ nicht mehr als ein weiteres Schreckensszenario der politischen Verführbarkeit von Jugendlichen – Die Dreharbeiten fanden auch in Düren statt.

Die Ähnlichkeit zum vor elf Jahren erschienenen Kinofilm „Die Welle“ ist scheinbar zunächst ziemlich eindeutig. Die Serie wurde von derselben Produktionsfirma produziert, der damalige Regisseur Dennis Gansel blieb als Executive Producer ebenfalls im Produktionsteam. Mit einem sozialen Experiment, welches einer Schüler*innengruppe die Anziehungskraft faschistischer Strukturen demonstrieren soll, hat „Wir sind die Welle“ jedoch nichts zu tun. Viel mehr existieren am Geschwister-Scholl Gymnasium in Meppersfeld bereits durch Rechtsextremist*innen verkörperte faschistische Strukturen, welche u.a. Migrant*innen durch die Stadt jagen und politisch andersdenkende Jugendliche in der Schule diffamieren.

Dem neuen Schüler Tristan Broch (Ludwig Simon) sind diese ein Dorn im Auge – dazu sollte man wissen, dass Tristan als neuer Schüler im Rahmen des offenen Vollzugs der JVA in die Klasse kommt, da er für einen versuchten Anschlag auf einen Konzernmanager eine Haftstrafe verbüßen muss. Er kommt als politisch links stehender natürlich mit einem Sankt Pauli T-Shirt in die Klasse und fordert seine von Mobbing, Immobilienspekulation und Umweltverschmutzung betroffenen Mitschüler*innen zum Handeln auf. Diese wissen lange nichts über Tristans Haftstrafe und werden infolgedessen durch Aussagen wie „Machen statt labern – Taten statt Träume“ dazu ermutigt, sich gegen das Unrecht in ihrem Leben zur Wehr zu setzen.

Der Antrieb der Mitglieder ist persönlicher Frust – Mit einer Ausnahme.

Bereits bei ihrer ersten Begegnung in der Klasse fühlt sich Lea (Luise Befort) zu Tristan hingezogen. Dabei verkörpert sie – typisch für deutsche Netflix-Produktionen – das komplette Gegenteil von ihm: Sie kommt aus einer wohlhabenden Familie, wohnt in einer Luxusvilla und führt eine Beziehung mit einem Jura-Studenten. Während sie Tristan durch die Schule führt, lässt dieser für sie in der Schulbibliothek ein konsumkritisches Buch mitgehen, welches sie kurzerhand dazu veranlasst, ihre teuren Markenklamotten zu spenden. Durch Tristans Widerstand gründet sich schnell eine Gruppe, welcher neben Lea dann auch die Schüler Rahim (Mohamed Issa), Hagen (Daniel Friedl) und Zazie (Michelle Barthel) angehören. Diese übt zunächst harmlose, kleinere aktivistische Aktionen und erregt in der Schule durch Videos von den Aktionen entsprechende Aufmerksamkeit bei Mitschüler*innen.

Trailer der Serie
Erschreckend nah an der Realität – und doch oberflächlich.

Allerdings macht die Serie nicht vor der in Deutschland in den letzten Monaten immer weiter gestiegenen Bedrohung durch Rechtsextremist*innen halt und übernimmt mit der augenscheinlich rechtsextremen Partei NfD nicht nur die Rhetorik, sondern auch das gesamte Branding der AfD. Die Themen, welche die Mitglieder der Welle zu ihren Aktionen bewegen, passen ebenfalls gut zu geführten Debatten in der heutigen Zeit: Rassismus, Sexismus, Tierschutz, Waffenhandel und natürlich auch Klimaschutz, für dessen Aktion in der Serie der Geschäftsführer einer Papierfabrik angegriffen wird. Ebenfalls werden die bekannten Probleme innerhalb von Protestbewegungen deutlich, mit welchen auch in Wirklichkeit soziale Bewegungen zu kämpfen haben. So erfährt die Gruppe einen zwischenzeitlichen Tiefpunkt, als sie sich für neue Mitglieder öffnet und dann aufgrundvon mangelnder Organisation eine kurzfristig angelegte Aktion in einem Schlachthof vergeigt. Neben der klassischen Anführer*innen-Frage zerstreitet sich die Bewegung auch schnell daran, einen gemeinsamen Konsens in Bezug auf die Anwendung von körperlicher Gewalt zu finden. Unwidersprochen bleibt hingegen Tristans Haltung zu Vandalismus, welche er an folgendem Beispiel exemplarisch ideologisch begründet:

„Was Du neulich in der Papierfabrik gesagt hast: ‚Naivität ist das einzige, womit man die Arschlöcher schlagen kann.‘ Glaubst Du wirklich daran?“

„Sonst hätte ich es nicht gesagt, oder?“

„Aber eine Scheibe einzuwerfen ändert nichts.“ „Kommt drauf an wessen Scheibe.“

Aus: „Wir sind die Welle“, Netflix, 2019
Unterschätzt die Serie die Gefahr von Rechts?

Die simple Sicht auf die NfD sowie die lokalen Nazistrukturen ließen jedoch auch schnell Kritik an der deutschen Produktion deutlich werden. So warnte Joachim Huber im Tagesspiegel bereits vor einer Unterschätzung der Rechten – diese besäßen mehr Kraft, Raffinesse und Machtwillen, als ihnen von den Macher*innen zugestanden worden sei. Allgemein wurde die Serie in konservativen Medien vielfach für ihre vereinfachte Darstellung von komplexen Sachverhalten wie Waffenexporten und Massentierhaltung und den anarchistischen Lösungsansätzen der jungen Aktivist*innen kritisiert.

Fazit: Nie war eine Serie näher am Zeitgeist der politisierten Jugend – Diese hätte jedoch stärkere Gegner*innen verdient gehabt.

Die Leichtigkeit, mit der die Mitglieder der „Welle“ in der Serie ihre Aktionen durchgeführt haben, entbehrt psychologisch gesehen an einigen Stellen jeglicher Glaubhaftigkeit und stellt den blanken Anarchismus somit unreflektiert als legitimen Umgangsweg mit Problemen dar. Dennoch zielt die Serie genau auf aktuelle Themen ab und ist aufgrund des Entwicklungsprozesses der Gruppe durchaus sehenswert.

Die erste Staffel der Serie ist seit dem 01. November auf Netflix zu sehen.

Redaktionelle Mitarbeit: Noah Denneburg

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Über Peer Schwiderski 2 Artikel
Lebt in Erkelenz, beobachtet die Region Aachen aus dem Norden und schreibt über Aktivismus und nachhaltige Mobilität.

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